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Tal 6 535.8

HARVARD. COLLEGE LIBRARY

Italiäniſcher Novellenſchatz.

Dritter Theil.

Staliänifcher Nopellenſchatz. | Ausgewaͤhlt und uͤberſetzt

Adelbert Keller.

Dritter Theil.

CSLeipzig: EN Brockhaus.

1851.

Ital6s398

ler 15,

—88

Inhalt des dritten Theils.

AXIV. Matteo Bandello. Seite 70. Unüberwindliche Großmuth.................... 1 TI. Balduin der eiferne von Flandern.............. 39

12. Eine andere Lucretia ......................... öl 13. Bedenklihe Beichte ................ .......... 59

-74. Frauentreue: Maͤnnertugend ................... 74 75. Das bezauberte Bildniß ...................... 108 76. Biel Laͤrmen um nichts....................... 135 TI. Die einäugige Amme......................... 172 78. Antonio Bologna............................ 182 19. Die blonde Ginevra............ ........... ... 198 80. Die Liebe des Verbannten..................... 238 81. Spaniſche Rache........................ ..... 20 82. Die Müllerin............................... 275 83. Leonora Macedonia .......... .......... ...... 280) 84. Erommell..... .. .............. ............ 316

H

XXIV. Matteo Bandello.

1534,

7. Unüberwindlihe Großmuth.

cl, 2.)

Man bat oftmals unter gelehrten und dem Hof- dienfte lebenden Männern bie Frage aufgeworfen, ob eine preiswürdige Handlung oder eine ritterliche und edel⸗ müthige That, die ein Hofmann gegen ſeinen Gebieter übt, Edelmuth und Ritterlichkeit genannt werden darf, oder ob es vielmehr nur Pflicht und Schuldigkeit iſt. Und der Streit über dieſen Gegenſtand iſt nicht ohne Belang, denn Vielen ſteht es feſt, daß der Diener ſeinem Herrn den ganzen Tag über nicht ſo viel leiſten kann, daß er nicht noch weit mehr zu thun verpflichtet wäre. Denn wenn er etwa nicht die Gunft feines Königs be- figt und fie doch befigen möchte (wie jeber Diener thut), was darf er je zu thun unterlaffen, wie ſchwer es auch fei, damit er die srfehnte Gnade erlange? Sehen wir nicht viele, die, um fich ihren Fürften günftig zu flimmen,. ihr eigenes Leben taufend Wagniffen, ja oft taufend Ge- fahren des Unterganges ausgefept haben? Wenn er fi nun in Gunft befindet und erkennt, daß er von feinem Fürſten geliebt wird, wie viele Mühen und Beſchwerden muß er dulden,- um fih in Anfehen zu erhalten und bie erworbene Gunft zu bewahren und zu erhöhen? Ihr wißt, es iſt ein allgemeines Sprichwort, das ein geiſt⸗ reicher Dichter verherrlicht hat, daß Erworbenes erhalten keine geringere Tugend ſei, als das Erwerben ſelbſt.

Staliänifcher Novellenſchatz. II. 1

2 AXXIV. Matteo Banbello.

Manche behaupten nun im Gegentheil und bemühen’ fich es mit den ftärfften Gründen zu bemweifen, daß Alles, was der Diener über feine Schuldigkeit thut und über die Verpflichtung hinaus, welche er hat, feinem Herrn zu dienen, als freiwillige Leiftung anzufehen fei, geeignet, feinen Gebieter fi, zu verpflichten und zu neuen Wohl⸗ thaten zu ermuntern. Sie gehen von der Anficht aus, daß, fo oft einer fein Amt verfieht, wozu er von feinem Heren angewiefen ift, und es mit allem Eifer und in der Art thut, wie es fich gehört, er feiner Pflicht genügt bat und von ihm den gebührenden Kohn verdient. Doch da wir bier nicht beifammen find zu disputiren, fondern zu erzählen, laffen wir nunmehr den Streit beifeite, und ich beabfichtige über das, mas ein mannhafter König gethan, euch eine Gefchichte mitzutheilen. Wenn nad) Beendigung derfelben vielleicht jemand ausführlicher darüber zu fprechen geneigt ift, fo bleibt ihm ja, dünkt mich, noch immer das Feld offen, um nad SHerzensluft ein Paar

Sträuße zu beftehben. Es lebte alfo im Königreich Per- fien einft ein König Namens Xrtayerres, ein Mann von großem Muthe und fehr geübt in den Waffen. Er war dem Berichte der perfifchen Geſchichtsbücher zufolge an- fange nur ein: gewöhnlicher Soldat, der Feinen militäri- fhen Rang im Heere führte, und brachte als folcher den Artaban den legten König der Arfaciden um, unter welchem er diente. Er gab den -Perfern auf etma fünf- hundertachtundbreifig Jahre die Herrfchaft über Perfien zurüd, welche in den Händen der Marebonier und an- derer Volker nach dem Tode des Darius geweſen war,

. welchen Alexander der große befiegt hatte. Nachdem er alfo ganz Perfien befreit Hatte und vom Volke zum König erwählt worden war, hielt er Hof mit Pracht und unter tugendhaften Handlungen. Er mar äußerft glänzend in au feinem Thun und galt deswegen, neben dem in biu- tigen Schlachten mannhaft erworbenen Ruhm, im ganzen Morgenland für den ebelmüthigften und: großherzigften

70. Unüberwindlige Großmuth. 3

Koͤnig, der in ſeiner Zeit auf. einem Throne faß, In feinen Saftmahlen war er ein zweiter Lucull und ehrte hoch die Fremden, bie zu ihm an ben Hof kamen. Diefer König hatte an feinem Hofe einen Senefchal mit Namen Ariabarzanes, deſſen Amt es war, fo oft der König öffentlich eine Mahlzeit veranftaltete, auf einem weißen Roſſe mit einer goldenen Keule in der Hand ben Knappen voranzureiten, welche die Speifen bes Stönige in geldenen Gefägen mit feinfter Leinwand bedeckt teugen, und diefe Zücher waren durchaus geftidt und mit Seide und Gold in der fchönften- Arbeit durchwirkt. Diefed Amt des Senefhald war fehr geachtet und wurde gemeiniglich ‚einem der erfien Barone des Reichs überfragen. Der befagte Ariabarzanes nun mar von ber ebelften Abftam- mung und fo rei, daß faft niemend ihm an Reichthum im Reiche gleich, kam, und überdies der feinfte und frei- gebigfte Ritter, der an diefem Hofe lebte; ja, er machte oft fo fehr den Großmüthigen und gab fo ohne Rüdhalt weg, daß er die Mittelfiraße verließ, worin alle Treff⸗ lichkeit befteht, oftmals zu den außerfien Punkten fih neigte und in das Kafter der Verfchwendung verfiel. Es hatte daher gar oft den Anfchein, als wollte er in den Werken der Höflichkeit fi) mit feinem König nicht nur anf gleiche Linie fielen, fondern er fuche fogar mit aller Macht es ihm zuvorzuthun und ihn zu übertreffen. Eines Tages nun ließ fi) der König das Gchachbret bringen und wollte mit Ariabarzanes eine Partie Schach fpielen. In damaliger Zeit fund bei den Perſern das Schachſpiel im höchfien Anfehen und ein guter Spieler mar fo geachtet, wie heutzutage unter und ein gewandter Kämpfer in wiffenkhaftlichen und philofophifchen Streitig- keiten. Sie faßen alfe einander gegenüber an einem Tiſche im Löniglihen Saale, in welchem fehr hohe! Per- fonen ſich befanden, die ihrem Spiele aufmerkfam und ſchweigend zufahen, und fingen an, fo gut fie Zonnten, ſich mit den Schachfiguren zu befehden. Ariabarzanes, * 1*

4 XXIV, Matteo .Bandello.

fei es daß er befier fpielte, al& der König, oder daß der - König nach wenigen Zügen die Aufmerkfamkeit auf das Spiel verlor, oder was immer ber Grund fein mochte, Ariabarzanes brachte den König dahin, dag er nicht an- ders Eonnte, als ba er im zwei bis drei Zügen ſchach⸗ matt werden mußte. Als der König dies merkte und die Gefahr einfah, matt zu werden, roͤthete fich fein Geſicht ungewoͤhnlich, er. fann nach, ob nicht noch). ein Ausweg möglich wäre, um bie Niederlage zu vermeiden, und aufer der Röthe, die man in feinem Gefi chte ge⸗ wahr wurde, merkten alle Zuſchauer des Spieles’ an ſeinem Kopfſchütteln und an andern Geberden und Seuf⸗ zern, wie leid es ihm that, ſo weit gekommen zu ſein. Dem Seneſchal entging das nicht, und er konnte den Anblick der ehrenvollen Beihämung feines Könige nicht ertragen; er machte daher einen Zug mit feinem Springer, der dem König fo Bahn öffnete, daß er ihn nicht nur aus der Gefahr befreite, in welcher er ſchwebte, fondern noch einen Thurm ganz preisgab. So flund das Spiel wieder gleih. Der König Fannte den Edelmuth und bie große Gefinnung feines Diener, die er fonft ſchon hin⸗ reichend erprobt hatte, genau, er that als habe er nicht bemerkt, daß er den Thurm nehmen könne, warf bie Figuren um, ſtand auf und fagte: Genug, Ariabarzanes! Das Spiel ift euer, ich gebe mich überwunden.

Es fuhr dem Artarerges durch den Sinn, Xriabar« zanes habe dies nicht aus Großmuth, gethan, fondern vielmehr um fich feinen König zu verpflichten; das mis⸗ fiel ibm und daher wollte er nicht mehr fpielen. Doch ließ der König bernach weder in Winken noch in Hand⸗ Iungen noch in Worten fi anmerken, daß ihm Diefe Großmuth feines Senefhals misfallen babe. Freilich hätte er allerdings gemünfcht, daß Ariabarzanes fich folcher „Handlungen enthalten hätte, wenn er mit ihm fpielte oder fonft etmas mit ihm anfıng, und wenn er ben Grogmüthigen und Freigebigen machen wollte, fo follte.er

70. Unäberwindliche Großmuth. 5

das gegen Untergebene oder Gleichſtehende thun, denn es gefiel ihm nicht, daß ein Diener in Dingen der Großmuth und Freigebigkeit ſich auf gleiche Linie mit ſeinem Gebieter ſtellen wollte. Es war wenige Tage nach dieſem Vorfall, der König befand ſich in Perſepolis der Hauptſtadt Perſiens und ordnete eine praͤchtige Jagd “an nach Thieren, wie jene Gegend fie erzeugt und die von den unferigen fehr verfchieden find. Als Alles in Ordnung gebracht war, begab er fih an die Stelle der Jagd mit dem ganzen Hofe. in großer Theil des Waldes war umftellt von Negen und gelegten Schlingen, der König vertheilte das Perfonal feiner Jäger wie es ihm geeignet fihien, und ließ nun mit Hunden und Hörnern die Thiere aus ihren Höhlen und Köchern auf- ſcheuchen. Plötzlich fprang ein wildes Thier fehr un⸗ geftüm und gewandt hervor, überfprang mit einem Sage die Nege und begab fich eiligft auf die. Flucht. Der König fah das feltfame Thier und befchloß es zu ver- folgen und zu erlegen. Er winfte daher einigen feiner Barone, daß fie gemeinfchaftlich mit ihm dem Xhiere nachfegten, Tieß feinem Pferde die Zügel und ſchickte ih an, ihm nachzueilen. Einer der Barone, welche mit dem König dem Thiere nachfegten, war Ariabarzanes. Es fügte fih, daß damals der König gerade ein Pferd titt, das ihm wegen feines befonbers ſchnellen Laufes fo lieb war, daß er taufend von feinen andern drangegeben hätte, um dieſes zu retten, und um fo mehr, als es außer der Schnelligkeit feines Laufes für Gefechte und Waffenthaten befonders gefchidtt war. Während er nun mit verhängtem Zügel das eilende oder eigentlich fliegende Thier verfolgte, entfernten fie fich weit von der Gefell- haft und befchleunigten ihren Lauf fo fehr, daß der König nur noch den Ariabarzanes bei fich behielt, und hinter ihm folgte einer von den Seinigen, den er bei Jagden fletd auf einem guten ‚Pferde mit ſich führte. - Auch das Pferd des Ariabarzanes fland im Rufe eines

6 XXIV. Matteo Bandello.

der beiten, die ſich am Hofe befanden. Nun begab es ſich, als alle diefe drei mit verhängten Zügeln dahin⸗ - flürmten, merkte Ariabarzanes, daß das Pferd feines - Heerrn an den Borderfüßen die Eifen verloren hatte und fon die Steine anfingen ihm die Hufe anzugreifen. So mußte alfo entweder ber König feine Jagdunterhal⸗ tung einftellen oder das Pferb mußte zu Grunde gehen. Unter diefen beiden denkbaren Fällen war feiner, der nicht dem König äufßerft smangenehm war, der übrigens noch nicht bemerkt hatte, daß das Pferd die Eifen verloren hatte. Sobald der Senefchal dies bemerfte, flieg er ab, Heß ſich von dem nachfoigenden Diener, ber für Noth⸗ fälle mie dem Erforderlichen verfehen war, Hammer und Zange geben und nahm feinem guten Pferde die zmei Bordereifen ab, um fie dem bes Königs anzufchlagen, entfchloffen, dann fein eigenes preiszugeben und bie Jagd fortzufegen. Er rief alfo dem König zu, ftille zu halten, und benachrichtige ihn von dee Gefahr, in welcher fein Pferd ſchwebe. Der König flieg ab, er fah die bei- ben Eifen, welche ber Diener des Seneſchals in ber Hand hatte, achtete aber weiter nicht darauf, oder meinte viel- leicht, Ariabarzanes Laffe welche für -dergleihen Fälle mitnehmen, oder auch, es feien dieſelben, welche feinem Pferde abgefallen waren, und wartete, bis es bereit war, um wieder aufzufigen. Da er aber das gute Pferd des Seneſchals ohne Vordereiſen fah, merkte er fogleich, daß das eine ber ritterlichen Hoͤflichkeiten des. Ariabarzanes ‚war, und befchloß, ihn auf diefelbe Weiſe zu befiegen, wie er fih bemüht hatte, ihn zu übertreffen. Sobald alfo das Roß befchlagen war, machte er ed dem Sene⸗ fchal zum Geſchenk. Der König wollte viel eher bie Freude ber Jagd verlieren, ald von einem feiner Diener an Höflichkeit übertroffen werden; er berüdfichtigte dabei den Hocfinn des Mannes, der mit ihm in ruhmvollen Thaten und Hingebung mwetteifern zu wollen fhien. "Dem Seneſchal ſchien es nicht paſſend, das Geſchenk feines

70. unũberwindliche Grohenuth. 7

Herren zurückweiſen zu wollen, fondern er nahm es mit demfelben hoben Geifte hin, mit dem en feinem Roß bie Eifen hatte abnehmen laffen, und erwartete immer eine Gelegenheit, feinen Gebieter an Höflichkeit zu über treffen und ſich ihn zu verpflichten. Es dauerte hernach nicht lange, fo kamen viele von benen, welche zurüde geblieben waren, ihnen nah, der König nahm ein Pferd von einem der Seinigen und Tehrte nach ber Stadt zurück mit feinem ganzen Gefolge. Wenige Tage darauf ließ der König ein feftliches prachtvolles Turnier anfagen auf den erften Maitag. Der Preis, der dem Sieger ver . lieben werden follte, war ein muthiged edles Pferd nebft Zügel, deffen Gebiß von feinem Golde reich gearbeitet war, und einem Sattel vom höchften Werthe, und das übrige Reitzeug mar im DVerhältnig zum Zaum und Sattel; der Zaum beftand aus zwei fehr Funftreich gear⸗ beiteten Goldketten. Das Pferd war ferner bededit mit einer Dede von Goldfloff mit Eantillen, ringsum mit fehr fchönen geflictten Franzen, woran goldene Mifpeln ° und Glöckchen Hingen. Am Sattelbogen hing ein ganz feiner Degen, die Scheibe ganz eingefaßt von Perlen und köſtlichen Steinen von großem Werthe, und auf der andern Seite ſah man einen fehr fchonen ftarfen Stab befefligt auf Damaseener Art ganz meifterhaft gearbeitet. Ferner lagen neben bem Pferde nach Art von Trophäen umher alle möglihen Waffen, wie fie ein Ritter im Kampfe braucht, fo reich und ſchon, wie fie nur irgend zu finden waren.. Der Schild war bewundernswürdig und flart, man Eonnte ihn nebft einer ſchönen goldenen Lanze. fehen am Zage, wo das‘ Turnier Statt finden, follte. Alle diefe Dinge follten dem Sieger im Wett fampfe zu Theil werden. Es kamen nun viele Fremde zujammen zu dem hohen Fefte, theild um mit zu kämpfen, theils um. die prachtvolle Feier des Turniers zu fehen. Don den Unstertbanen des Königs blieb Fein Nitter noch Baron zurück, der nicht reich gekleidet erfehien; und unter

8 XXIV. Matteo Bandello.

den erften, die ihren Namen angaben, mar der Erſt⸗ geborne des Königs, ein fehr tapferer und im Waffen⸗ wert äußerſt geachteter Süngling, der von früh auf im Lager erzogen und herangemachfen war. Auch der Sene- fchal meldete ſich an. Ebenfo andere perfifche wie fremde Ritter, denn das Felt war als ein allgemeines verfündigt . worden mit ficherem Geleite für alle Fremde, welche dazu kommen und dabei kämpfen wollten, nur mußten es adelige fein, andere wurden nicht angenommen. Der König hatte zu SKampfrichtern brei alte Barone erwählt, welche in früherer Zeit gleichfalls felbft madere Kämpfer "gewefen waren und“ fih in vielen Unternehmungen geübt und als rechtichaffene und einfichtige Männer bewährt hatten. Sie hatten ihre Tribunal mitten in der Rennbahn gerade * dem Punkte gegenüber, wo meiftens die Kämpfenden ſich zu treffen und ihre Schläge zu führen pflegten. . Nun müßt ihr -euch vorftellen, daß alle Frauen und Töchter des Landes fich Hier verfammelt hatten und daß eine folhe Menge Volks Hier beifammen war, wie es fid von einem Feſte diefer Art erwarten ließ. Und vielleicht Fämpfte dafelbft Fein Ritter, der nicht feine Geliebte hatte, und jeder hafte irgend ein Geſchenk von ihren Frauen, wie bei ähnlichen Kämpfen zu gefchehen pflegt. Zum angefegten Tag und Stunde erfihienen alle Kämpfenden mit größtem Pompe der reichften Überkleider fowol über den Waffen als den Pferden. Der Kampf begann, viele Ranzen fplitterten und manche führten fehöne Schläge; aber das allgemeine Urtheil ging dahin, daß der Sene- ſchal Ariabarzanes es ſei, der den Preis davontragen müſſe; wäre aber er nicht ba, ſo übertreffe der Sohn des Königs bei weitem alle andern, denn feiner der ZBettfämpfer hatte über fünf Streiche für fih, nur bes Könige Sohn hatte deren neun. Der Senefchal zeigte elf Eräftig und ehrenvoll ‚gebrochene Lanzen und wenn er noch einen einzigen Streich gewann, fo war er Sieger im Spiele, denn zwölf Steeiche waren an jenem Tage

70. Unüberwindlihe Großmuth. 9

ben Kämpfenden vorgefchrieben, um ben Preis zu ge winnen, und wer fie zuerft führte, befam ohne weiteres Hindernif ben Preis. Dem König (um die Wahrheit 'zu fagen) konnte Feine größere Freude werden, ald wenn die Ehre diefes Tages feinem Sohne zufiele; aber er fah nicht wohl ein, wie es möglich werden follte, denn er erkannte den großen Vorſprung, den der Senefchal hatte, gut; doch ließ er ſich als ein kluger Mann die Sache im Geficht nicht merken. Auf der andern Seite war fein junger Sohn, der vor feiner Geliebten kämpfte, bis zum Tode verdrießlich darüber, daß er fo feine Hoffnung ſchwinden fah, die erfte Ehre zu erringen, ſodaß Vater und Sohn von gleichem Verlangen brannten. Aber die Trefflichkeit und Tapferkeit des Senefchald und ‚der Um⸗ fiand, daß er feinem Ziele ſchon fo nahe ftand, ſchnitt ihnen alle Hoffnung ab, wenn noch eine ſolche übrig gewefen war. Sm Augenblide' nun, als ber Senefchal feine legte Lanze brechen wollte, er ritt an dieſem Tage eben das trefflihe Pferd, das ihm der König auf der Jagd gefchenkt hatte, und wußte genau, daß der König fehnlichft mwünfchte, feinen Sohn fiegreich zu fehen, ebenfo fannte er die Gefinnung des Jünglings, der zu Ehren und in Gegenwart feiner Geliebten ganz von demfelben Verlangen glühte, in dem Yugenblide faßte er den Ent- ſchluß, ſich einer ſolchen Ehre zu entlleiden und fie dem Sohne des Königs zu überlaffen. Er mußte zwar wohl, daß eine folhe Großmuth dem König nicht gefiel; nichts defto weniger mar er aber geneigt, durch Beharrlichkeit feine Anficht zu überwinden, nicht weil er mehr begehrte, ald der König ihm ſchenkte, -fondern blos, um ſich zu ehren und Ruhm zu erwerben: ber Senefchal war ber Anfiht, ed fei undankbar vom König, diefe Handlungen des Edelmuths, ben er gegen ihn übte, nicht annehmen ‚zu wollen. Er hatte fih, nun unter allen Umſtaͤnden vorgenommen, es fo einzurichten, daß die Ehre dem Sohne des Königs bliebe; er legte bie Lanze ein, als er nahe 1**

10 XXIV. Matteo Bandello.

daran war, mit ihm zuſammen zu treffen (denn er jelbft war es, der ihm entgegenkam), ließ aber die Lanze aus der Hand fallen und fagte: Mein Edelmuth fol ed dem. dee andern gleichthun, wenn er auch nicht gefchägt wird.

Der Sohn des Königs traf mit Anſtand den Schild des Seneſchals, brach feine Lanze in taufend Stüde und

‚gewann ben zehnten Streich. Wiele hörten die Worte

des Senefchals, die er beim Wegwerfen ber Lanze aus⸗ ſprach, und alle Umftehenden ohne Ausnahme merkten, daß er nicht habe freffen wollen, um nicht ben legten Streih zu führen und dem Sohne bed. Königs die fo ſehr gewünfchte Ehre des Turniers zu laſſen. Er ver- ließ auch darauf die Schranken. Der Sohn des Königs beftand ohne große Mühe die legten Gänge und trug Preis und Ehre davon. Unter dem Schalle von tanfend Mufttinftrumenten und unter Voranführung des Kampf- preifes wurde er mit Pomp durch die ganze Stadt ge» leitet und unter dem Gefolge befand fich auch der Sene- fhal, der fortwährend mit heiterer Miene die Mann baftigkeit des Prinzen rühmte. Der "König mar ein ſcharfſichtiger Mann, er hatte fehon oft und viel bie

Tapferkeit feines .Senefchals in andern Turnieren, Wett⸗

kaͤmpfen, Buhurten und Schlachten erprobt und ihn immer vorfichtig Flug und perfönlich äußerſt tapfer er⸗ funden; fo erkannte er denn wohl, daß das Ballen der

Zange nicht zufällig gewefen war, fondern ganz vorfäglich

und dies beftärkte ihn in der Anficht, die er über bie Großmuth und Aufopferung feines Seneſchals hegte. Und in der That der Edelmuth bes Seneſchals Aria- barzanes war fo groß, dag wie mich dünkt wenige fich bereit finden ließen, ihn nachzuahmen. Wir fehen den ganzen Tag viele mit ben Glücksgütern freigebig umgehen und reichlich bald Kleider, bald Silber und Gold, bald Edeifteine und andere Dinge von großem Werthe an den und jenen verfchenten. Ja, große Herren fieht man nicht nur mit ſolcherlei Dingen gegen ihre Diener freigebig

70. Unüberwinbliche Großmuth. il

und großmüthig, fondern fie verfchenten ſelbſi großartig Burgen, Ländereien und Stäbte Was follen wir von denen fagen, bie mit ihren: eigenen Blute und mit dem Leben felbft oftmals verſchwenderiſch umgehen im Dienfte anderer? Von ſolchen und ähnlichen Beiſpielen ſind alle Bücher aller Sprachen voll; aber wer den Ruhm gering⸗ ſchaͤtzt und mit ſeiner eigenen Ehre freigebig iſt, ein ſolcher findet ſich noch nicht. Der ſiegreiche Feldherr ſchenkt nach dem blutigen Treffen ſeinen Kriegskameraden Beuteſtücke der Feinde und Gefangene und macht fie theilhaftig ber ganzen Eroberung; aber den Ruhm und bie Ehre der Schlacht behält er für fich felbft. Und, wie ber wahre Vater der römischen Beredtſamkeit göttlich bemerkt, jene Philoſophen, die von ber Pflicht der Geringfhägung bes Rupımes ſchrie⸗ ben, ſtreben eben durch ihre Bücher nad) Ruhm. Dem König nun gefiel diefe Großmuth und diefes Zurüctreten feines Seneſchals nicht, vielmehr war es ihm zumider, denn er war ber Anſicht, es fei für einen Unterthanen und Diener nicht ſchicklich, fich nicht nur feinem Herrn gleichzuftelen, fondern ihn buch Handlungen ber Groß⸗ muth und Aufopferung zu verpflichten ; fo fing er an, ihn es merken zu laſſen und ihn weniger freundlich zu behandeln, ald feither. Sa, zulegt beſchloß er, ihn deutlich merken zu laſſen, wie ſehr er ſich irre, wenn er glaube, ſich ſeinen Gebieter verpflichten zu können, und zwar folgendermaßen. Es mar eine alte bewährte Sitte in Perfin, daß bie Könige alljährlich ben Jahrestag ihrer Krönung dureh ein großes pomphaftes Feſt feierten, an weichem Zage alle Bareme bes Reichs verbunden waren, fi) am Hofe einzufinden, weſelbſt der König acht Tage lang hintereinander mit den Eoftbarfien Mahlzeiten und anderen Yeftlichkeiten diefelben bewirthete Als nun der Jahrestag der Krönung des Artaxerxes kam und alles in gehöriger Weiſe zugerüftet war, wollte ber König ausführen, was ihm eingefallen war, und er trug einem feiner vertrauten Kämmerer auf, ſogleich den Ariadar-

12 XXVXIV. Matteo Bandello.

zanes aufzuſuchen und ihm zu ſagen: Ariabarzanes, der

König befiehlt dir, im Augenblicke den Schimmel, den goldenen Stab und die übrigen Zeichen deines Seneſchal⸗ amtes felber deinem Feinde Darius zu bringen und ihm im Namen des Königs zu eröffnen, daß er zum oberften Senefchal ernannt ifl.

Der Kämmerer ging bin und that, was ber König ihm aufgetragen hatte. Als Ariabarzanes biefe ftrenge Botfchaft börte, meinte er umzufommen vor Schmerz und er empfand die Sache um fo tiefer, ald Darius fein erbittertfter Feind auf Erden war. Dem unerachtet gewann er es bei feiner Seelengröße nicht über fich, den innerlihen Kummer merken zu laffen, fondern fagte zu dem Kämmerer mit heiterem Geſicht: Was meinem Herrn gefällt, das foll gefchehen. Sieh auf der Stelle gehe ich, feine Befehle ins Werk zu fegen. |

Und fo that er auch alsbald mit größtem Eifer. Und als die Stunde der Mittagsmahlzeit kam, verrichtete Da- rius den Dienft als Senefhal. Sobald der König bei der Tafel faß, fegte ſich auch Ariabarzanes mit heiterer Miene mit den andern Baronen zu Tifche. Die Ver wunderung Aller war fehr groß und unter ben Baronen lobten die einen ben König, bie andern nannten ihn im Geheimen undankbar, wie das unter Hofleuten fo Sitte ift. Der König verwandte kein Auge von Ariabarzanes und verwunderte fich fehr, daß er fich Äußerlich fo heiter gab, er hielt ihn deshalb in der That für einen Mann von fehr edelm Sinne. Und um nun auf den Plan zu fommen, den er früher entworfen, fing er an mit.bittern Worten allen feinen Baronen feine Unzufriedenheit mit Ariabarzanes darzulegen: andererſeits beftach er einige, um forgfältig auszufpahen, was er. fagte und that. Ariabarzanes hörte die Worte feines Gebieters und murbe von den Schmeichlern, die hierauf angemiefen waren ge⸗ reizt, er fah auch, daß die Geduld, die er bewies, ihm nichts, nügte, und daß ihm die Beſcheidenheit nichts half,

70. Unüberwindlide Großmuth. 13

die er im Neben geübt hatte, er erinnerte fich des langen treuen Dienftes, den er dem König geleiftet, des erlit- tenen Schadens, ber Lebensgefahr, der er fich fo oft ausgefegt hatte, der geübten Großmuth und vieler andern Dinge, bie er gethan: und da ließ er fich endlich über» mannen vom Unmuth, er verlor ben Zügel ber Gebulb und ließ fich hinreißen von feinem Selbftgefühl, er meinte, er jollte Ehre empfangen ftatt getadelt zu werden, ftatt bes verdienten Lohnes aber werde ihm fein Amt genommen; unter bittern Vorwürfen beſchwerte er fich über den König und nannte ihn undankbar, mas bei den Perfern für ein Majeftätsverbrechen angefehen wird. Gerne wäre er vom Hofe weggegangen und hätte fich auf eines feiner Schlöffer zurüdigezogen, aber das war ihm nicht geftattet ohne Vor⸗ wiffen und Urlaub des Königs und er brachte es nicht überd Herz, diefen um eine Vergünftigung anzugehen. Dem König warb indeffen Alles gemeldet, was Aria⸗ barzanes that und mas er ſprach: er ließ ihn daher eines Tages rufen und als er vor dem König ſtand, fagte Artarerred alfo zu ihm: Ariabarzanes, deine verfchiedenen Beſchwerden, deine bittern Klagen, die du bald ba bald dort ausläßeft, und dein fortwährender Unmille ift durch die Senfter meines Palaftes zu meinen Ohren gedrungen und ich Habe Dinge von dir vernommen, bie ich kaum geglaubt Habe. Ich wünfchte nun von bir felbft zu er- fahren, was dich zu den Beſchwerden bewogen hat; bu weißt, in Perfien ift eine Beſchwerde über feinen König und vornehmlic, feine Bezeichnung als undantbar Fein geringeres ergehen, als der Tadel der unfterblichen Götter, weshalb die alten Gefege verordnet haben, daß die Könige gleich den Göttern verehrt werden müſſen. Unter den‘ Sünden, welche unfere Gefege feharf beftrafen, ift die Sünde der Undankbarkeit diejenige, welche aufs allerfchärffte geahndet wird. Wohlan, fo fage mir nun, worin du von mir beleidigt worden biſt. Denn obwol ih König bin, darf ich doch niemanden ohne Grund eine

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14 | XXIV. Matteo Bandello. Beleidigung zufügen, denn ſonſt hieße ich billig nicht

König, was ich bin, ſondern Tyrann, was ich niemals

fein will.

Ariabarzanes war voll Unwillens, wich aber doch keinen Finger breit von ſeiner großartigen Geſinnung und bekannte alle Beſchwerden, die er irgendwo gegen den-König vorgebracht hatte, frei. Darauf antwortete ‘der König alfo: Du kennſt den Grund, riabarzanes, weshalb ich mid; von Rechtswegen angetrieben fühlte, dir die Würde und das Amt des Senefchals abzunehmen. Du wollteft mir die meinige nehmen. Meine Sache ift es,

in allen meinen Angelegenheiten freigebig, großmüthig, -

ritterlich zu fein, gegen jedermann Höflichkeit zu üben und mir meine Diener zu verpflichten, indem ich ihnen von meinem Eigenthum mittheile und fie belohne und zwar nicht immer, indem id pünktlich die Handlungen abwäge, die fie in meinem Dienfte und zu meinem Bor» theil gethan, fondern indem ich fie meift über Verdienſt beſchenke. Ich darf nie in ben verdienftlihen Merken ber Freigebigkeit die Hände verfehloffen halten, nie mich müde zeigen, den Meinigen und Fremden Gefchente zu

geben, wie es die Umflände erheifchen; denn das ift bas

eigenthinnliche Amt jedes Königs und das meine ins⸗ bejondere. Du aber, der du mein Knecht bift, fuchft in gleihem Style auf taufend Weißen durch deine Werke ber Höflichkeit nicht mir zu dienen und das zu thun, was du mir als deinem Herrn gegenüber thun mußt, fondern du bemühft dich, mit deinen Handlungen mich auf unlösbare Weife am dich zu feffeln und zu macen, daß ich dir auf immer feſt verpflichtet bleibe. Sage mir nun felbft, welchen Lohn koͤnnte ich dir geben, welches Geſchenk bieten, welchen Preis zumenden, wobei mir der Ruhm der Freigebigkeit gefichert bliebe, wenn bu mich vorher mit deiner Großmuth fo- an. dich gefeffelt haft? Hohe und edelgefiunte Herren fangen dann an, einen Diener zw lieben, wenn fie ihn befchenten, ‚wenn

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fie ihn erhöhen, und dabei wirb immer darauf Rückſicht genommen, daß das Gefchent das Verdienſt übertreffe; denn fonft wäre es Feine Freigebigkeit noch Großmuth. Der Befieger der Welt Alerander der große nahm eine reiche und mächtige Stadt ein, nach deren Befige viele feiner Barone trachteten, und um welche ihn bie name lichen baten, bie fich um die Gewinnung berfelben mit ihren Waffen ehrenvoll bemüht und ihr eigenes Blut vergoffen hatten; er wollte fie aber nicht denen geben, die Durch ihre Verdienſte Darauf Anfpruch machen konnten, fondern er rief einen armen Mann, der ſich zufällig dort befand und gab fie ihm, damit die von ihm geübte Frei- gebigkeit und Großmuth an einem fo gemeinen niedrigen Menfchen defto heller und ruhmvoller ftrahle; denn von ber. einem folchen Menfchen erwiefenen Wohlthat kann nicht gefagt werben, fie gehe. aus irgend welcher Ver bindlichkeit hervor, fondern man fieht deutlich, daß es die reine Freigebigkeit, reine Ritterlichkeit, reine Groß⸗ muth, der reine Edelfinn ift, aus einem großen und er- babenen Herzen hervorgehend.. Ic fage darum nicht, dag man nicht einen treuen Diener belohnen folle, aber ich behaupte, daß der Lohn immer das Verdienſt deffen überfleigen müffe, welcher dient. Nun alfo, wenn bu Tag für Tag fo viel Verdienſt erwirbft, wie du thuft, und fortwährend fuchft mich unendlich zu verbinden burch deine fchrantenlofe Großmuth, wie bisher, fo machſt du mich machtlos, dir zu genügen, und fperrft mir den Weg für meine Freigebigkeit: Siehſt du nicht, daß ich von dir überholt und mitten auf meiner gewohnten Bahn gehemmt bin, welche darin befteht, mir die Liebe, die Dankbarkeit und die Anhänglichkeit meiner Untergebenen durch Gefchente zu erwerben, indem ich ihnen täglich von dem Meinigen ſchenke und wenn einer. duch feine Dienftleiftungen ein Xalent verdient, ihnen zwei ober - drei zu geben? Weißt du nicht, daß, je weniger von ihnen der Lohn erwartet wird, ich um fo lieber ihn er⸗

16 XXIV. Matteo Bandello.

theile, um fo bereitwilliger fie erhohe und ehre? Beſtrebe dich alfo, Ariabarzanes, in Zukunft fo au leben, daß man dic ald Knecht erkennt und mich, mas ich auch bin, als Herrn. Alle Fürften fordern meines Bedünkens zwei Dinge an ihren Dienern, Treue nämlich und Liebe; find dieſe gefunden ſo ſorgen ſie nicht weiter. Wer alſo wie du mit mir in Großmuth wetteifern will, der wird finden, daß ich ihm am Ende wenig Dank weiß Und außerdem will ich dir ſagen, daß, wenn ich will, mir die Laune kommen kann, einem meiner Diener etwas von dem Seinigen zu nehmen und es zum Meinigen zu machen, ich aber dennoch von ihm und denen, die es ſonſt erfahren, großmüthig und ritterlich genannt werden will. Und das ſollſt du mir nicht leugnen, ſondern es freiwillig jedesmal bekennen, ſo oft es mir in den Sinn kommt, es zu thun.

Hier ſchwieg der König und Ariabarzanes antwortete fehr ehrerbietig, aber mit Großmuth folgendermaßen: Sch habe nie gefucht, unüberwindlichfter König, eure unend- liche und unbegreifliche Großmuth mit meinen Handlungen zu übertreffen ober ihr gleichzufommen, aber ic) Habe mic fehr bemüht, es dahin zu bringen , daß ihr und bie ganze Welt deutlich erfennet, wie ich nichts anderes fo fehr wünſche, als eure Gnade; und verhüte Gott, daß ich je in die große Verirrung verfinte, als könne ich. mit eurer Größe wetteifern. Wer wird auch fein Licht neben die Sonne ftellen wollen? Wohl fihien es mir unb Teint mir noch meine Pflicht zu fein, daß ih nicht nur mit diefen Glücksgütern zu eurer Ehre und in eurem Dienfte freigebig fein muß, da ich fie ja von euch erhalten habe, fondern daß es auch zum Frommen eurer Strone aus⸗ ſchlägt, daß ich mit diefem meinem Leben nicht nur nicht ſparſam, fondern felbft verſchwenderiſch umgehe. Und wenn ihr meinte, ich habe verfucht,. um gleiche Grof- muth mit euch zu metteifern, fo mußte ihr doch denken, ich thue es, um eure Gnade, volllommener zu haben und

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damit ich euch Tag für Tag mehr beftimme, mich zu lieben; denn als Ziel jebes Dieners ift mir erfchienen, mit aller Macht die Liebe und Gunft feines Herrn zu fuchen. Segt aber, unüberwinblichfter König, muß ich gegen alle meine Vermuthung fagen, das, daß ich nad) eurem Zugeftändnig großmüthig, edel, hochherzig geweſen bin, verdiene Tadel und Strafe und eure Ungnade, mie an mir das, was ihr gethan habt, Blärlich zeigt; wie fehr ich auch entfchloffen bin, in meinem wie mir fcheint ehrenvollen und löblichen Vorfage zu Teben und zu fterben; wenn mir aber ein Gebieter mein. Eigenthum nimmt, defien Schuldigkeit es ift, mir von bem Seinigen mite zutbeilen, und ich foll fagen,. er fei freigebig und groß- müthig und das fei wohlgethan, fo werde ich mid dazu nie verſtehen.

Ale der König diefe legten Worte hörte, fland er auf und fprah: Ariabarzanes, es ift jegt nicht Zeit, mit die zu freiten, denn die Verhandlung und Abur- theilung deiner Worte und Handlungsmeile gegen mich übergebe ich dem ernften Ermeffen meiner Käthe, welche zu gelegener Zeit das Ganze nach ben Gefegen und Ge⸗ bräuchen Perfiens aburtheilen werden. Es genüge mir für jegt, daß ich geneigt bin, dir durch die That zu zeigen, daß das wahr ift, was du jept geleugnet haft; und du wirft es felbft mit eigenem Munde bekennen. Inzwiſchen begib dich hinweg nad, deinen Schlöffern und komm nicht wieder zu Hof, wenn ich dich nicht verlange.

Als Ariabarzanes biefen letzten Entſchluß feine Ge- bieterd vernommen, wandte er fi) nach Haufe und mar mehr als zufrieden, fih auf das Land nad feinen Schlöffern begeben zu dürfen, froh, nicht den ganzen Tag fich feinen Feinden gegenüber zu fehen, aber voll Unmuth über die vom König ausgefprochene Übertweifung feiner Angelegenheit an feinen Rath. Nichts defto weniger entfchloffen, jedes Gefchi über fich ergehen zu laffen,

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unterhielt er fich mit den Freuden und Zerſtreuungen der Jagd. Er hatte nur zwei Töchter, welche ihm ſeine verſtorbene Gattin hinterlaſſen; beide galten für ſehr ſchön, doch war die erſte ohne Vergleich ſchöner, als die andere, und nur um ein Jahr an Alter von ihr verſchieden. Der Ruhm ihrer Schoͤnheit flog durch ganz Perſien und es war darin kein ſo großer Baron, der ſich nicht ſehr gerne mit Ariabarzanes in Verwandtſchaft geſetzt haͤtte. Er war nun etwa vier Monate auf einer ſeiner Burgen geweſen, welche ihm beſſer als die andern gefiel wegen ber daſelbſt berrfchenden vollfommen guten Luft und ebenfo, weil die fchönften Sagden mit Hunden wie mit Vogeln fich dort befanden. Da erfchien daſelbſt plöglich ein Herold des Königs, welcher zu ihm ſprach: Aria⸗ barzanes, der König mein Herr befiehlt dir, dag du mit mir diejenige deiner Töchter an ben Hof fendeft, welche die fehönfte von beiden ift.

Ariabarzanes Eonnte bie Abficht des Königs bei biefem Befehle nicht ahnen, bie verfchiedenften Gedanken kreuzten fih darüber in feinem Kopfe, er baftete dann bei einem, . ber ihm plöglich einfiel und beſchloß, Die jüngere zu fenden, die, wie gefagt, der Altern an Schönheit nicht gleichlam. Nachdem er diefen Entfchluß gefaßt hatte, ſuchte er feine Tochter auf und ſprach zu ihr: Liebe Tochter, mein König hat mir den Befehl zukommen laffen, ihm bie fchönfte meiner Töchter zu fenden, aber aus einem triftigen Grunde, den ich die jegt nicht fagen kann, will ih, daß du hin⸗ geheſt. Aber merke dir wohl und praͤge dir ein, ihm . nie zu ſagen, daß du die weniger ſchöne biſt, denn wenn du ſchweigſt, fo wird es Dir den größten Bortheil ver⸗ ſchaffen, offenbarſt du dich dagegen, ſo wäre es mir ein unerſetzlicher Schaden und könnte mich vielleicht das Leben often. Auch wenn du fühlft, daß du ſchwanger bift, fagft du niemand etwas davon und läßt niemand deine Schwangerfchaft merken. Erſt wenn du ganz